Erich Franz

Noch ungreifbarer als ein Morgennebel

 

Zu Annette Kristiansens neueren Bildern

Es gibt viele Maler, die eine Fläche mit einheitlicher Farbwirkung erfüllen. Annette Kristiansen gehört eigentlich nicht zu ihnen. Die Farbe breitet sich gleichmäßig aus, sie wirkt transparent und scheint wie von innen her zu leuchten oder eher, verhalten zu schimmern. Aber sie füllt die Fläche nicht aus. Sie steigert sich in einem sehr langsamen, zugleich aber unabgrenzbaren Crescendo und wächst in dieser Bewegung über die Grenzen des Bildes hinaus. Bei Annette Kristiansen erscheint die Farbe wie losgelöst von den Kanten des Bildes und auch von seiner frontalen Oberfläche.

Die Vorgänge der Farbe, ihre Steigerungen und Verflüchtigungen, wirken ganz und gar immateriell, noch ungreifbarer als ein Morgennebel. Sie halten sich an keine Fläche, das Auge dringt widerstandslos durch die Oberfläche des Bildes in transparente Tiefen. Man sieht fast keine Malerei mehr, keinen Farbauftrag, aber auch keine Ebene, sondern man sieht durch die Farben hindurch. Tatsächlich nimmt man mehrere Farben wahr. Etwa ein helles, leicht violettes Blau, das über ein ocker-gelbliches Grau hinweg schwingt, sich über die Fläche ganz ausbreitet, sich zunehmend verdünnt und dabei von der anderen Farbe, dem Gelbgrau, durchdrungen wird. Oder ein weich-verhaltenes Rot, das sich im Bild zu einer Seite hin verdichtet und auf der anderen Seite immer mehr ein bläulich-sandfarbenes Grau durchschimmern lässt. Eigentlich schimmert dieses „Grau“ überall durch und dringt in das „Rot“ ein. Die optischen Steigerungen und Auflösungen heben jede Festigkeit, jede materielle Pinselspur auf. Es gibt keine Farben „auf“ dem Bild. Sie verwandeln sich in permanenter Bewegung und bilden doch eine einheitliche Atmosphäre. Sie intensivieren sich grenzenlos aneinander und bleiben doch leise. Nichts tritt in den Vordergrund, alles ist unfasslicher Raum und geheimnisvolles Licht.

Annette Kristiansen hat erst vor wenigen Jahren, etwa 2011, zu diesen unabgrenzbaren Farbprozessen gefunden, die sich in sanfter Ölmalerei auf einer starren und randlosen Aluminiumplatte entwickeln. Nachdem sie einige Jahre in einem ganz anderen Beruf gearbeitet hatte, fing sie noch einmal an zu studieren. 2007 beendete sie ihr Studium der Malerei an der Freien Akademie der bildenden Künste in Essen − unter anderem beim Ulrich-Erben-Schüler Stephan Paul Schneider und dem Gerhard-Richter-Schüler Bernard Lokai. Danach besuchte sie noch Seminare des Kunsthistorikers Michael Bockemühl in Witten, des Spezialisten für Farbwirkung, kurz bevor er 2009 starb. Kristiansens frühere Bilder haben noch eine deutlich gemalte Oberfläche mit sichtbaren Pinselspuren, doch schon in ihnen dringt so etwas wie ein Lichtschimmer durch. In ihren neueren Bildern hat Annette Kristiansen diese materielle Begrenzung ganz und gar aufgelöst.


Münster, 9. Februar 2013
Prof. Dr. Erich Franz

 


 

Erich Franz

Even Less Graspable Than A Morning Mist

 

On Annette Kristiansen’s More Recent Paintings

There are many painters, who fill a surface with a homogeneous color effect. Annette Kristiansen actually does not rank among them. In her works, the paint spreads evenly, it looks transparent and seems to shine from inside - or rather, to radiate a subdued gleaming. Yet, it does not cover the whole surface. It increases in a very slow crescendo, which cannot be demarcated, surpassing in this motion the edges of the painting. In Annette Kristiansen’s work, the paint seems to be detached from the painting’s edges and also from its frontal surface.

The processes of the paint, its intensifications and evaporations, produce a completely immaterial effect which makes it seem to be even less graspable than a morning mist. They do not comply with any area. Without resistance, one’s view penetrates the surface of the painting into transparent depths. One hardly recognizes any act of painting, neither application nor layer of paint, but looks through them. In fact, one perceives various colors. For instance, a light, slightly violet blue, which swings across an ochre-yellowish gray, spreads across the whole surface, and then, becoming increasingly thinner, is penetrated by the other color, the yellowish gray. Or a soft subdued red, which in the painting condenses to the one side, and on the other side allows a bluish and sand-colored gray to gleam through. Actually, this “gray” gleams through everywhere and penetrates into the “red.” The optical intensifications and dissolutions neutralize any stability, any material mark of the brush. There are no colors “on” the painting. They turn into permanent movement and yet create a uniform atmosphere. They infinitely intensify one another and yet remain soft. Nothing steps to the fore, everything is ungraspable space and mysterious light.

Only a few years ago, around 2011, Annette Kristiansen evolved these processes of colors which refuse demarcation and which develop in an art of soft oil painting on rigid and borderless aluminum sheets. After working in a totally different profession for a couple of years, she began to study again. In 2007, she finished studying painting - with Stephan Paul Schneider, a former student of Ulrich Erben, and with Bernard Lokai, a former student of Gerhard Richter - at the Freie Akademie der bildenden Künste in Essen. After that, she also attended seminars held in Witten by Michael Bockemühl, the art-historian and expert on color effect, who died shortly afterwards in 2009. Kristiansen’s early paintings still have clearly painted surfaces with visible marks of the brush, and yet, there is already something like a shimmering light gleaming through. In her more recent paintings, Annette Kristiansen has completely dissolved this material limitation.


Münster, February 9, 2013
Prof. Dr. Erich Franz

 


 

Michael Wessing

 

Beim ersten Blick auf die Bilder von Annette Kristiansen mag man zunächst an einen künstlerischen Beitrag zur monochromen Malerei denken. Doch sehr bald erscheinen die Farben durch die Augenbewegung des Betrachters diffuser. Je länger man schaut, umso so mehr scheinen diese sich zu 'entmaterialisieren' dadurch, dass sie unserem gewohnten Farbspektrum nicht mehr eindeutig entsprechen. Es geht hier also doch nicht nur allein um eine  Monochromie, wie etwa bei Yves Klein. Dessen ausgedehnte blaue Farbgebung stellt trotz leichter Oberflächenbewegung eine geschlossene Fläche dar, in die sich der Betrachter versenken kann. Bei Yves Klein erscheint das Blau, obwohl es keinen eigentlichen Gegenstand zeigt, als etwas Greifbares, Körperhaftes. Anders verhält es sich bei Annette Kristiansen. Trotz der Blautonigkeit erscheint diese nicht mehr so dominant, vielmehr mischt sich ein subtiles Grau darunter, was sich im Auge des Betrachters gegeneinander zu verschieben scheint. Es entwickeln sich Formen in der Farbe, die Farbe taucht auf, wie ein Hauch, es entwickelt sich quasi eine ungreifbare Farbgebung beider Farben, die in ständiger Bewegung scheinen.

Einige  Farbgebungen  hingegen verschwimmen nicht wie in einem Nebel. Vielmehr zeigen sie deutlich die feste Struktur eines Pinselauftrags, etwa in einer gelbtonigen Arbeit, die an japanische Seidenstoffe zu erinnern scheint, die möglicherweise aus der Erinnerung längerer Japanaufenthalte der Künstlerin resultiert. Alle Arbeiten von Kristiansen atmen eine besondere Stimmung: das Licht, das dunstig im Nebel aus der Farbe emport schwebt.   

Dabei scheint die Betrachtung der Bilder kein Ende zu finden. Im Übergang von Nuance zu Nuance verwandelt sich das Bild im Auge des Betrachters sehr individuell und beständig weiter.

 

Münster, Juni 2015

Dr. Michael Wessing

 


 

 Anne Kristin Kristiansen

 

Annette Kristiansen works with abstract and minimalist painting. Oil on aluminium. The highly defined shape of the aluminium squares stands in contrast to the qualities its surface, which often appears like something in motion, dissipating in the eye of the observer. "I find this contrast interesting because it is a paradoxical movement in itself. I know as an artist, that various colours are building up on the surface to create the image. Material is added to material. Yet it seems to dissolve and disappear when I look at it. Sometimes this movement is contrasted by another gestural brushstroke, a trace of the act of being painted that makes the paradox even clearer."

 

Copenhagen, August 2017                     
Anne Kristin Kristiansen, Bildende Künstlerin